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Franz von Assisi (1182-1226)

Franz von Assisi – ein Radikaler

Man macht es sich im Allgemeinen zu einfach mit dem keineswegs einfachen Mann aus Umbrien. Er teilt das Schicksal aller grossen bekannten Unbekannten. Pazifisten und Grüne, Naturschwärmer und Aussteiger, Hierarchen und innerkirchliche Opponenten vereinnahmen ihn oft unbedarft und spannen ihn für ihre Ziele ein. Etwas lässt sich bei ihm immer finden, um ihn für eigene Zwecke auszubeuten.

Franz von Assisi – Eine komplexe Persönlichkeit

Franziskus war eine äusserst komplexe Persönlichkeit. Zweifellos ein liebenswürdiger Charismatiker, konnte er aber in seiner Bruderschaft äusserst autoritär und intolerant bis aggressiv sein. Er wollte Bruder unter Brüdern sein, gewiss, aber das Wort vom «Kadavergehorsam» stammt von ihm und nicht von Ignatius, dem man es immer wieder anhängte und dessen Jesuiten man genüsslich zum liberalen Bürgerschreck erhob.

Franz gab sich Papst, Kardinälen und Bischöfen gegenüber demütig und unterwürfig, trat aber gleichzeitig selbstbewusst auf und gab sich in seiner Vision wenig kompromissbereit. Er gründete bewusst eine Laienbewegung, untersagte ihr aber jede Form von Antiklerikalismus. Er proklamierte eine Armutsbewegung, verbot aber seinen Gefährten die Verachtung oder gar Beschimpfung der Reichen. Er wollte für seinen neuen Orden absolut nichts von Theologie wissen, sang aber das Loblied auf die Zunft der Theologen. Er war ein Freund der Tiere, aber kein Vegetarier. Selber ein strenger Faster, konnte er sich des knurrenden Magens eines Mitbruders erbarmen und brach mit ihm zusammen das Fasten, um diesen nicht zu beschämen. Seine Wanderschaft hatte anderes im Sinn, als wenn wir uns zur Erholung auf Wanderung begeben. Er wollte ein Exempel für Anspruchslosigkeit statuieren und suchte nicht seine eigene Beglückung in freier Natur bei schönen Sonnenaufgängen. Die immer wieder gepriesene südliche Sonne konnte erbarmungslos quälen, und der Winter war in den Bergen Mittelitaliens oft bitterkalt. Sein Lobpreis der Schöpfung, der «Sonnengesang», wurde unter körperlichen Qualen und abgedunkelten Augen verfasst. Er hatte als Adressaten nicht zuletzt die schöpfungsfeindlichen und weltverachtenden Agitationen der Katharer, der grössten mittelalterlichen Ketzerbewegung, vor Augen, die schlicht gegen alles und jedes in der real existierenden Kirche und Gesellschaft war.

Radikal «evangelisch»

Radikal kommt vom lateinischen Wort radix, Wurzel. Radikal war Franz von Assisi in der Tat. Er griff auf die christlichen Wurzeln zurück und pflegte für sich und mit seiner Gemeinschaft eine «Wurzelbehandlung», indem er ohne Wenn und Aber das Evangelium im Massstab 1:1 umsetzen wollte. Wir greifen einige Elemente heraus.

  1. Vertrauen
    Die Armut, die Franz gelegentlich seine Braut nannte, hatte nur einen Sinn, wenn man die quasi positive Kehrseite dazu betrachtet. Armut war für ihn der Ausdruck radikalen, das heisst rückhaltlosen Gottvertrauens. «Wollten wir etwas besitzen, bräuchten wir Waffen zu unserer Verteidigung», begründete er seine gewählte Lebensform. Logisch, aber anspruchsvoll. Aber nicht die Bettelei war die Maxime. Die Brüder sollten durchaus von ihrer Hände Arbeit leben. Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert, das steht schliesslich auch in der Bibel. Aber damit sollte kein Anspruch verbunden werden, den man einlösen kann. Also arbeiten, ohne Rechnung zu stellen. Die einzige Absicherung ist die bedingungslose Übergabe an Gott. Franz erlebte den Umbruch seiner Zeit zu grösserem, urbanerem Wohlstand und den Übergang zur Geldwirtschaft. Geld wird für ihn zum verhassten Markenzeichen überheblicher und selbstgenügsamer Machbarkeit.
  2. Selbstüberwindung
    Spontane Reaktionen in Gedanken und Werken waren Franz bestens bekannt. Er überwindet Angst und Ekel vor der grassierenden zeitgenössischen Krankheit. Er isst mit den Aussätzigen aus einer Schüssel. Er überwindet auch die Angst vor der Meinung der andern. Es ist keine blosse Anwandlung von Zivilcourage. Ob die Mitmenschen etwas von ihm und seinem Weg halten, bekümmert ihn nicht mehr. Der einstige jugendliche Volkstribun setzt sich dem Spott aus, was schlimmer ist als Feindschaft. Seine Verankerung in Gott erlaubt ihm «Narrenfreiheit».
  3. Beispiel geben
    Franz hat das anstehende Problem der Laienpredigt klug und geschickt entschärft. Er verlangt vom Herrn Papst nur die Erlaubnis zur erbaulichen Predigt. Indem er bewusst auf theologische Argumentation verzichtet, entwaffnet er sich. Denn Theologie ist immer auch ein geistiger Waffengang. Sie kommt selten ohne Polemik aus. Franz setzt ganz auf das Beispiel. Dem Priester, der die konsekrierten eucharistischen Gaben verschimmeln lässt, hält er nicht eine Standpauke über die Realpräsenz Christi in der heiligen Messe, sondern besorgt ihm ein Backeisen.
  4. Relativierung
    Das scheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Schliesst nicht Radikalität jede Relativierung aus? Weil Franz von Assisi in Gott fest verwurzelt war, konnte er alles andere immer aus dieser Beziehung heraus sehen und beurteilen und damit relativieren. Er war auch selbstkritisch, von seinem Durchhaltevermögen keineswegs überzeugt und sagte vor verblüfften Zuhörern: «Wer weiss, ob ich nicht doch einmal noch Kinder zeugen werde!»

Begrenzte Radikalität

… Es war für das verwöhnte Herrensöhnchen Franz von Assisi leichter, mit dem Reichtum seines Elternhauses zu brechen und das Erbe des Vaters auszuschlagen, als sich von seinem Lebenswerk zu lösen. Er musste sich in späteren Jahren immer mehr mit «Fundis» und «Realos» herumschlagen, gab überfordert die Leitung ab, mischte sich aber dennoch immer wieder ein. In einem Anflug von Resignation und Bitterkeit brach es einmal aus ihm heraus: «Wer hat mir meine Brüder gestohlen?» Haben wir genau hingehört? Betrachtete er seine Bruderschaft als seinen Besitz, ausgerechnet er, der auf Eigentum so grossherzig verzichtetet hatte? Vielleicht gelang es ihm im Tod dann doch noch, den allerschmerzlichsten Ablösungsprozess zu vollziehen. Nicht bloss den Abschied vom irdischen Leben, sondern das Loslassen dessen, was sein ureigenstes und durchaus Gott wohlgefälliges Lebenswerk war, als er sich nackt auf den Boden legen liess, wie damals, als er sich öffentlich entkleidet hatte, um von den Eltern, von Vermögen und Luxus Abschied zu nehmen. Wie auch immer, er überliess seiner Gründung ein Dauerproblem und bewahrte seine Schöpfung nicht vor Spaltung. Kommt uns Franz von Assisi nicht vertrauter vor, wenn wir ihn auch in seiner Anfechtung wahrnehmen?

Auszüge aus dem Artikel: Franz von Assisi – ein Radikaler; «Wurzelbehandlung» für sich und die Gemeinschaft, von Dr. Albert Gasser, Chur

Texte von Franziskus

Franz von Assisi – Lebensdaten

Literatur

San Francesco
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Assisi
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San Damiano
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Alverna
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Assisi
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Kreuz von San Damiano, Ausschnitt
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